Ich bin Soziopod-Hörer. Und deshalb auch Breitenbach-Möger. Patrick Breitenbach ist einer der Moderatoren des Soziopod, außerdem Dozent und digitaler Botschafter an der Karlshochschule International University. In seinem Blog rief Patrick zu einer Blogparade zum Thema Internetoptimismus auf: Nachdem Sascha Lobo in der FAZ den „Abschied von der Utopie“ angekündigt und die „digitale Kränkung des Menschen“ durch Geheimdienste und Konzerne ausgerufen hatte, ist Patrick überzeugt: Es ist an der Zeit, neue Utopien zum Internetoptimismus zu entwerfen. Utopien erlauben es, eine Welt zu konstruieren, die so ist, wie wir sie uns vorstellen. Da ich das Thema sehr spannend finde, freue ich mich, wenn sich noch viele, viele weitere Blogs dem Thema widmen. Und ich konstruiere:

Kränkungen oder Chancen?

Als „vierte Kränkung der Menschheit“ bezeichnet Sascha Lobo den „größten Irrtum des Netzzeitalters“. „Nur Möglichkeiten“ seien die „positiven Versprechungen des Internets, Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein Freigarten der Bildung und Kultur“ gewesen. Nur heiße Luft? Oder sind da nicht doch noch Chancen? Der spanische Soziologe Manuel Castells erreichte einen bedeutsamen Beitrag zu Medientheorie und Soziologie, als er zwischen 1996 bis 1998 eine Studie in drei Bändern verfasste, die sich mit Weltgesellschaft als Netzwerkgesellschaft befasst. Es ist also bald 20 Jahre her, dass Castells den Begriff „Netzwerkgesellschaft“ prägte. Alles, was einen Namen hat, lässt sich bekanntlich besser greifen. Wohl deshalb spricht Lobo von der vierten Kränkung der Menschheit, wohl deshalb sprechen wir von der Informationsgesellschaft, von der Bindestrich-Gesellschaft oder auch von der Wissensgesellschaft.

Moment mal … Wissensgesellschaft?

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Wissensgesellschaft – impliziert das nicht Visionen und Wünsche? Sind das die, die Lobo „nur (zu) Möglichkeiten“ degradierte? „Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt“, konstatiert Lobo. Hat Castells nur geträumt, als er von Netzwerken sprach, die durch zentralisierte Knotenpunkte gesteuert werden und aus flexiblen, dynamischen und offenen Architekturen bestehen? War die unendliche Erweiterbarkeit dieses Netzes sogar utopischer als die Tatsache der Massenüberwachung durch Geheimdienste, die nun mal Realität ist? Haben wir auf dem Weg zur Netzwerkgesellschaft versagt?

Gesellschaftlicher Wandel

Wir sind im Wandel. Jeder Wandel bringt es mit sich, dass Menschen, die einst mittendrin standen, nun ausgegrenzt werden. Aber auch, dass Menschen, die bisher ausgegrenzt wurden, plötzlich mittendrin stehen. Die einst ausgegrenzten „Nerds“ sind heute gefragte Netzwerkspezialisten. Frauen, die vor noch wenigen Generationen nicht mal wählen durften, sind heute Geschäftsführer namhafter Unternehmen. Die Liste könnte ich noch lange weiterführen, aber ich denke, ihr versteht, worauf ich hinaus will. Nun sind wir alle Mitgestalter dieser schönen neuen Welt. Und so ist es wenig verwunderlich, dass auch staatliche Überwachung, Kommerzialisierung und das Entstehen weiterer Wandlungen durch das Durchsetzen von guten und schlechten Interessen einzelner und globaler Player Begleiterscheinungen sind. Sollen wir uns deshalb aufgeben? Sind wir nicht auf dem Weg zur Selbstverantwortung? Streben wir nicht eine grundlegende Autonomie an? Sind wir nicht aufgeklärter als je zuvor?

Es bleibt eine gewisse Abhängigkeit

Und doch: Die Selbstverantwortung, die Autonomie, unsere Aufgeklärtheit – sie alle setzen eine Abhängigkeit zur Nutzung der Systeme voraus, die uns laut Lobo kränken. Paradox! Wie soll Otto Normalverbraucher erkennen, welche Systeme ihn kränken und welche ihn freier machen? Wie soll Tante Gudrun mit ihren 57 Jahren, die in einer Individualkommunikation innerhalb ihrer Gemeinschaft aufgewachsen ist, plötzlich global kommunizieren – und zwar möglichst sicher? Castells bestätigt diese Abhängigkeit in seiner Trilogie mit den Worten „Technology is society and society cannot be understood or represented without its technological tools. […] The Information Technology Revolution did not create the network society. But without information technology, the Network Society would not exist.“

Wir leben in keinem „Neuland“. Aber wir wandeln uns. Wir wollen freies Wissen, das neues Wissen hervorbringt, mit dem wir umgehen müssen. Wir streben ein freies Netz an. Technologien werden weiterentwickelt. Aber es ist an uns, an der Gesellschaft, dass auch wir uns weiterentwickeln. Ständig werden neue Innovationen geschaffen. Wir interagieren miteinander – immer globaler, immer schneller, immer reichweitenstärker. Geschehnisse bleiben längst nicht unbemerkt: Da wird ein Blumenkübel zum internetten Phänomen. Sexismus wird mit einem #Aufschrei bekämpft. Wir treten auf abgeordnetenwatch.de in Kontakt mit Politikern und wissen durch foodwatch.org mehr denn je über Konzerne und Ernährung. Wir können Petitionen an den Deutschen Bundestag richten. Wir können mitwirken. Wir können uns aber auch an Petitionen übers Dschungelcamp beteiligen und alle miteinander dafür sorgen, dass demokratische Mittel zur Farce werden. Wir können also sehr viel.

Internetoptimismus: Die freie Netzwerkgesellschaft

Wir wollen flexiblere Beschäftigungsmodelle. Wir wollen Wissen und Information. Wir wollen die globale Interaktion. Was wir nicht wollen, ist die soziale Polarisierung in einen analogen Gesellschaftsteil, für den Internet Neuland ist und bleibt, und einen digitalen Gesellschaftsteil, der mit Nullen und Einsen groß geworden ist. Ich zumindest möchte das nicht. Deshalb sieht meine Utopie zum Internetoptimismus Mentoren vor, die aufklären. Die zeigen, dass das alltägliche politische, wirtschaftliche, kulturelle und gemeinschaftliche Agieren nicht mehr unbemerkt bleibt. Die jedem Bürger zeigen, wie er zum globalen Akteur wird. Wie er mitmachen kann. Wenn er mitmachen will.

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Diese Mentorenidee wirft allerdings wieder Fragen auf: Wer bestimmt Mentoren und was muss ein Mentor mitbringen? Schaue ich mich aktuell im Marketingbereich um, bleibt mir die Spucke bei der Tatsache weg, dass ein Marketingmitarbeiter eine eierlegende Wollmilchsau sein muss: SEO, Social Media, bloggen, PR – um nur einige Stichpunkte aus dem Tätigkeitsbereich zu nennen. In meiner Utopie macht jeder Mentor, was er wirklich kann. Mentoren sind freiwillige Experten, die sowohl die Gefahren als auch die Chancen aufzeigen. Mentoren sind in meiner Utopie genauso frei wie die Netzwerkgesellschaft selbst. Auch wenn sie durch ihr freies Wissen neue Fragen zu beantworten haben wird.

Internet war, ist und wird, was wir daraus machen – denn letztlich ergibt sich die Wertigkeit einer Sache immer daraus, was die Gesellschaft aus ihr macht. Etwas Grundgutem kann man Böses abgewinnen. Etwas abgrundtief Bösem kann man Gutes abgewinnen. Einer neutralen Sache können wir Leben einhauchen. Und das tun wir auch. Zahlreiche Blogger genauso wie die Nutzer sozialer Netzwerke. Mentoren könnten uns zeigen, wo das Gute und wo das Böse steckt und wie man mit beidem umgeht. Wo ein Lehrender, da muss auch ein Lernender her: Nicht nur Mentoren müssten sich für meine Utopie finden, sondern auch Lernwillige, die sich und den Mentoren offen eingestehen, dass ihre digitale Unmündigkeit abgebaut gehört. Das klingt hart. Ist aber gar nicht so gemeint. Ich persönlich bin froh, dass ich meine fleißigen Helferlein habe, die mir bei WordPress- oder Verschlüsselungs-Fragen prima weiterhelfen. Ich bin Lernender und habe Mentoren, bin aber auch Mentor und habe Lernende um mich. Beide Rollen eröffnen mir neue Welten – online wie offline. Und neue Welten sind ein Gewinn in meiner Utopie.

 

Titelbild: © alain wacquier – Fotolia.com
Artikelbilder: © gstudio – Fotolia.com & © Trueffelpix – Fotolia.com


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